Arbeiterkinder und die Illusion der Chancengleichheit

Autor: Frank Bruns

Im Laufe der letzen Jahre habe ich mich verändert. Verschiedene Einflüsse haben dazu geführt, dass ich mich kritischer mit unserer Gesellschaft und unseren Vorstellungen von der Welt insgesamt auseinandergesetzt habe. Die Erkenntnis, dass sich soziale Ungerechtigkeiten im Wesentlichen auf das Vorhandensein von gesellschaftlichen Privilegien zurückführen lassen, klingt sicher ziemlich unspektakulär. Dennoch lag für mich die Schwierigkeit darin, zu verstehen und zu akzeptieren, dass Privilegien bei uns tatsächlich existieren und reale Auswirkungen auf unsere Leben haben. 

Statt Informatik Soziologie zu studieren hätte mein Weltbild wohl früher gewandelt, denn die sozialen Missstände in unserer Gesellschaft sind gut erforscht. Noch vor wenigen Jahren hätte ich ohne Zögern behauptet, dass bei uns die Gleichheit aller Menschen tatsächlich gelebt wird. Von den theoretischen Grundsätzen unseres freiheitlich demokratischen Wertesystems überzeugt, war ich fest der Auffassung, dass jeder Mensch in Deutschland die gleichen Chancen hat. Ich selbst habe mich als den lebenden Beweis dafür gesehen. Ich glaubte daran, dass man mit Fleiß, Zielstrebigkeit und Ausdauer jedes Ziel erreichen könne.

Heute kenne ich die Zahlen, die besagen, dass mein Weg alles andere als selbstverständlich war und viele Einflüsse existieren, die geeignet gewesen wären, ihn zu verhindern.

Die ARD-Reportage "Die Illusion der Chancengleichheit" (31.08.2015) geht vor allem darauf ein, dass die finanziellen Möglichkeiten der Eltern entscheidend für den Bildungserfolg ihrer Kinder sind.

Als Arbeiterkind vom Land ging ich zur örtlichen Realschule, wechselte nach dem Abschluss zum Gymnasium im Nachbarort und schrieb mich schließlich an der Uni Oldenburg zum Informatikstudium ein. Wenn man bedenkt, dass im Gegensatz zu 77% der Akademikerkinder nur ca. 23% der Arbeiterkinder überhaupt ein Studium aufnehmen, dann standen die Chancen dafür gar nicht mal so gut. Die soziale Herkunft entscheidet bei uns also mehrheitlich welchen beruflichen Weg ein Kind einschlägt. Akademikerkinder werden zum Studium ermutigt, Arbeiterkindern wird tendenziell abgeraten. Auch in meinem eigenen Elternhaus wurde das Studium nicht als natürliche Konsequenz des Abiturs gesehen, sondern es gab Ängste, Unsicherheiten und Vorbehalte, insbesondere wegen der Finanzierung und des herausfordernden Anspruchs.

Wie es schlimmstenfalls hätte laufen können, zeige ich auf drastische Weise in meinem Lied "Arbeiterkind".

Viele Faktoren führen dazu, dass die Entscheidung zur Aufnahme eines Studiums in Arbeiterfamilien kritisch gesehen werden. Einige davon kann ich aus eigenem Erleben bestätigen.

Studierte Taxifahrer*innen

Arbeiterkinder und deren Eltern haben wenig bis keine Erfahrung mit dem Studium. Ihnen fehlt die Information aus erster Hand. Stattdessen orientieren sie sich an den vielen Mythen, die man sich in der Gesellschaft über das Studium erzählt. 

 

Ein besonders schädlicher Mythos sind die studierten Taxifahrer. Der Mythos besagt, dass ein Studium im Grunde verschwendete Zeit sei, weil man es hinterher auch nicht leichter oder gegebenenfalls sogar schwerer habe, eine Anstellung zu finden und dadurch gezwungen ist, den Lebensunterhalt durch Taxifahren zu bestreiten.

Besonders geisteswissenschaftliche Studiengänge werden damit assoziiert. Das geflügelte Wort der brotlosen Kunst ist uns allen geläufig. Wahr ist aber, dass die Arbeitslosenquote unter Akademikern so gering ist, dass von Vollbeschäftigung die Rede ist. Eine OECD Studie von 2014 besagt, dass nur etwas mehr als 2% der Akademiker arbeitslos sind.

 

Lebenslange Verschuldung

Ein Studium ist teuer, auch wenn Studiengebühren mittlerweile von keinem Bundesland mehr erhoben werden. Schließlich müssen viele Studenten zum Studieren ihren Heimatort verlassen und in einer anderen Stadt zur Miete wohnen und sich verpflegen. Lehrmaterialien wie Fachbücher gibt es nicht kostenlos und oft übersteigen die Preise dafür deutlich die, die man von Romanen aus der Buchhandlung kennt.

Der finanzielle Rahmen von Arbeiterfamilien ist oft eng gesteckt und das Schulden machen wird als gefährlich angesehen, weil das Zurückzahlen normalerweise schwer fällt. Das Informationsdefizit bezüglich der akademischen Ausbildung leistet auch hier sein übriges. Der Mangel an Erfahrung mit dem BAföG-System und die Furcht vor damit einhergehenden Schulden hält Arbeiterfamilien davon ab, es in Anspruch zu nehmen. In der Folge entscheiden sie sich gegen ein Studium.

Anders als studierte Eltern kennen sie das Gehaltsniveau von akademischen Berufen nicht und somit fällt es schwer, die BAföG-Schulden als Anfangsinvestition in die Karriere und nicht als lebenslange Last zu betrachten. Die OECD hat auch hierzu Zahlen parat. So liegt das Lohnniveau von Akademikern durchschnittlich etwa 74% über dem Lohnniveau von beruflich Ausgebildeten. Das Zurückzahlen der BAföG-Schulden ist für Akademiker im Normalfall also kein unlösbares Problem, zumal sie für das Erststudium ohnehin auf höchstens 10.000€ gedeckelt sind.

 

Ungeeignete Vorbilder

Ein weiteres Problem der fehlenden Information in Arbeiterfamilien ist die Unkenntnis über akademische Berufsbilder. Meine Eltern zum Beispiel konnten sich kaum vorstellen, was ein Student nach dem Abschluss eigentlich arbeitet und sahen sich dementsprechend nicht in der Lage, aus Überzeugung zu einem solchen Beruf zu raten.

Unser Dorf war und ist bis heute sehr handwerklich geprägt und die örtliche Industrie ist entsprechend aufgestellt. Abseits des Lehrerberufs fallen mir vielleicht noch Architekten, (Zahn-)Ärzte und Rechtsanwälte als klassische akademische Berufe in unserem Ort ein. Von Softwareentwicklern, Journalisten, Sprachwissenschaftlern, Biologen, Physikern, Chemikern, Wirtschafts-, Sozial- und Politikwissenschaftlern und den damit einhergehenen Berufsbildern keine Spur.

 

Mittlerweile machen meine Schwestern und ich uns einen Spaß daraus, dass wir alle von unseren Eltern den Ratschlag bekommen haben, eine Ausbildung bei der Bank zu machen. Das gilt als solide, man wird mit der (damals noch als respektabel angesehenen) Finanzwelt in Verbindung gebracht und darf ganz offiziel das Symbol vermeindlich höhergestellter Menschen tragen: Anzug und Krawatte als Sinnbild des sozialen Aufstiegs.

Bankangestellte kennt und respektiert im Dorf jeder. Schließlich sind sie wichtige Geheimnisträger und könnten sicherlich die eine oder andere Finanzanekdote über die hiesige Dorfprominenz zum Besten geben. Dadurch haben sie auch noch eine Machtposition inne.

 

Fehlende Beziehungen

Haben Arbeiterkinder trotz aller Schwierigkeiten ein Studium absolviert, steht es wiederum schlecht um sie. Denn nun haben sie geringere Karrierechancen als Kinder akademischer Eltern. Fehlende berufliche Netzwerke, im Volksmund Vitamin B genannt, erschweren es, dass sie Positionen erreichen, die für Akademikerkinder leichter zu ergattern sind. Arbeitereltern kennen niemanden, der ihrem Kind einen gut bezahlten Job in einem renommierten Unternehmen besorgen könnte. Eine Studie des Soziologen Michael Hartmann besagt, dass Arbeiterkinder mit Doktorgrad viel seltener Karriere machen als promovierte Kinder höhergestellter sozialer Herkunft. Demnach finden sich in der Wirtschaftselite, also den Chefetagen der Großkonzerne, nur 0,5% Arbeiterkinder. 

 

Schranken im Kopf

Nicht zu unterschätzen ist meiner Meinung nach die psychologische Komponente, die Arbeiterkinder zurückhält, Karriere zu machen. Wenn die Chefetagen und hohen Leitungspositionen der Unternehmen zu großen Teilen aus Akademikerkindern und damit aus Angehörigen des Bildunsgbürgertums bestehen, dann stellt sich das Gefühl ein, eigentlich nicht dorthin zu gehören, nicht in diese Gruppe von Menschen zu passen. Man erkennt plötzlich deutlich, dass man anders aufgewachsen ist und nicht dieselben Umgangsformen pflegte, dass RTL und SAT.1 zur Unterhaltung dienten, nicht Michael Ende oder Erich Kästner, dass zu Hause Bier getrunken wurde statt Wein, kurz, dass man den Habitus des Bildungsbürgers nicht beherrscht. Es ensteht ein Gefühl der Unsicherheit, weil man fürchtet, als Arbeiterkind entlarvt zu werden. Da die eigene Herkunft aus der Arbeiterschicht in diesem Zusammenhang als sozialer Makel wahrgenommen wird, spürt man den Druck der drohenden Relativierung des durch den Bildungsaufstieg mühsam erworbenen gesellschaftlichen Status. Sich in diesen Kreisen natürlich zu bewegen, gelingt schwer oder ist gar unmöglich. Zurückhaltendes bis eingeschüchtertes Verhalten ist die Folge, was in deutschen Unternehmenskulturen sicherlich nicht förderlich für das berufliche Vorankommen ist.

Mit der Zeit und zunehmender Beschäftigung mit den diskriminierenden Mechanismen, die mit gesellschaftlichen Privilegien einhergehen, habe ich ein besseres Bewusstsein für meine eigene Position in der ganzen Sache entwickelt und für mich beschlossen, mich den Spielregeln nicht (mehr) zu unterwerfen. Ich möchte mich um der Karriere Willen nicht verbiegen. Ich möchte mein Schicksal nicht an das gütige Wohlwollen Anderer knüpfen, das mir nur zuteil wird, wenn ich mich dem etablierten System anbiedere.

Das verringert meine Karrierechancen? Sei's drum!


Sozialwissenschaftler Dr. Aladin El-Mafaalani über die Probleme von Bildungsaufsteigern.

Ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Aladin El-Mafaalani hat mich vor ein paar Jahren darauf gestoßen, dass der Bildungsaufstieg von Arbeiterkindern ein echtes Thema ist. Ich entdeckte meine eigene Psyche in vielen Punkten wieder, die dort beschrieben wurden und letztlich hat es mich dazu bewogen, ein paar Jahre später diesen Artikel zu schreiben.


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Wieso ist es so unwahrscheinlich, dass ein #Arbeiterkind studiert? Die Antwort leuchtet ein. Arbeiterkindern wird auch...

Posted by FRANK AND FREE on Freitag, 30. Oktober 2015


Konflikt der Kulturen?

Immer wieder hört man Stimmen, die die Zuwanderung durch die Flüchtlingskrise sehr kritisch sehen. Die ankommenden Menschen stammen aus einem völlig fremden Kulturkreis, heißt es. Sie seien gewissermaßen inkompatibel mit unserer Gesellschaft. Wie sollen sie sich hier jemals erfolgreich integrieren? In Wahrheit sind es oft die Deutschen, die nicht zulassen, dass Migranten sich integrieren.

Europa liebt die Toten

Die Festung Europa ist real und kostet jeden Tag unschuldigen Menschen das Leben. Männer. Frauen. Kinder. Das Meer tötet alle gleich!

Das kann und darf so nicht weitergehen, wenn wir als Europäer in Zukunft nicht in Schande auf unsere menschenverachtende Politik zurückblicken wollen.

Ignoranz, Rassismus und Islam.

Die Menschen in Europa neigen dazu, die ganze muslimische Welt über einen Kamm zu scheren. Immer wieder werden Islam und Islamismus gleichgesetzt und alle muslimischen Länder in einen Topf geworfen. Und nach positiver Berichterstattung muss man förmlich suchen. Kein Wunder also, dass vieles, was wir über den Islam und die islamischen Staaten zu wissen glauben, negativ behaftet ist.



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Kommentare: 8
  • #1

    Dörte (Freitag, 06 November 2015 09:19)

    Ich bin alleinerziehende Mutter und wir leben von Hartz4. Jeden Morgen sage ich meinen Kindern lernt fleißig und ihr könnt alles werden was ihr wollt. Immer öfter, eigentlich immer fühle ich mich als würde ich meinen Kindern ins Gesicht lügen. Und trotzdem hoffe ich weiter das meinen Kindern andere Wege offen stehen und sie ein Leben führen können das sie wollen. Obwohl ich nicht weiß ob ich sie wirklich in den Vorstandsebenen sehen möchte.

  • #2

    Frank Bruns (Freitag, 06 November 2015 10:32)

    Hallo Dörte. Vielen Dank für deinen Beitrag. Lass dich bitte nicht entmutigen. Deine Kinder können trotzdem einen Weg einschlagen, der ihnen im Leben Freude bereiten wird. Ich denke, entscheidend für ein zufriedenes Leben ist, dass man etwas macht, für das man sich interessiert und für das man sich dauerhaft begeisten kann. Das gilt auch dann, wenn man dadurch eher durchschnittliches Geld verdient. Kaum etwas ist schlimmer für die Psyche, als wenn man sich täglich zwingen muss zur Arbeit zu gehen. Darunter leidet man dann nicht nur selbst, sondern es strahlt auch auf das Umfeld (z.B. die Familie) aus. Die ganz große Karriere ist zwar weniger wahrscheinlich für deine Kinder, aber mit ihrer Arbeit können sie trotzdem glücklich werden, wenn sie sich mit ihr identifizieren.

    Uns werden von den Medien in Massen die ganz großen Karrieren präsentiert (Konzernchefs, hohe Politiker, Musiker, Filmstars, Internetunternehmer), so dass der Eindruck entsteht, viele Leute könnten und müssten dies erreichen können. Das setzt uns auf gewisse Weise auch unter Erfolgsdruck. Wir vergleichen uns mit diesen Menschen und sehen, dass wir schlechter abschneiden. Menschen konnten sich früher nur mit ihrem direkten Umfeld vergleichen. In der Zeit von Fernsehen, Printmedien und Internet steht man plötzlich mit Menschen aus der ganzen Welt in Vergleichskonkurrenz.
    Man sollte sich davon nicht zu sehr beeinflussen lassen, auch wenn es schwer fällt.

    Auch die kleine Karriere kann glücklich machen. Auch wenn es natürlich ungerecht ist, dass die große Karriere bestimmten Menschen vorbehalten ist.

  • #3

    Optimistin (Donnerstag, 26 November 2015 22:35)

    Ja ich bin Akademikerkind und ja ich habe studiert. ABER: vorher habe ich eine Ausbildung gemacht und dann gearbeitet. Dass ich studieren würde, habe ich (und auch Lehrer und Eltern) damals nicht gedacht, weil ich eher eine mittelmäßige Schülerin war. Mit 28 Jahren habe ich dann ein Studium aufgenommen, weil es mich interessiert hat. Und NEIN: meine Eltern haben das Studium nicht finanziert. Ich habe meine wöchentliche Arbeitszeit auf 20 Stunden reduziert, vollzeit studiert und arbeite heute in einer Führungsposition. Das alles habe ich ohne Vitamin B geschafft und ich bin der festen Überzeugung, dass dies jedem möglich ist: es braucht nur Engagement, Interesse und Fleiß. Ich habe kein 5-stelliges Monatsgehalt und keinen Porsche vor der Tür, aber das kann auch nicht das Ziel sein. Wichtig ist für mich, dass ich in meinem Beruf auf, aber nicht unter gehe.

  • #4

    Jens Schumann (Mittwoch, 13 Januar 2016 16:08)

    Frank,

    ich denke es ist wichtig, sich der Zusammenhänge klar zu werden, und auch der Missstände. Und wie bei vielen Dingen lese ich oben einiges, dass mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit in sich trägt.

    Allerdings sind mir zahlreiche Aussagen oben am Ende viel zu einfach.

    Gut, ich bin nicht in der Bundesrepublik sozialisiert. Allerdings gehöre ich auf dem Papier zu den absoluten Verlierern: Arbeiterkind, Scheidungskind, in einer kritischen Phase meines Lebens quasi heimat- und orientierungslos, mit einem grossen Fragezeichen, ob mein Schulabschluss, der sehr viel DDR und wenig Bundesrepublik in sich trägt, anerkannt wird. Dazu nahezu keine Unterstützung durch meine Familie während der letzten beiden Jahre Abitur und während meines Studiums (die waren und sind mit sich selbst genug beschäftigt). Am Ende ein Studium selbst finanziert, zu viel gearbeitet, zu wenig Fokus. Studiumsabbruch. Keine Beziehungen, keine starken Partner. Faktisch keine Kenntnisse in meiner Familie, wie "Bundesrepublik" so funktioniert. Ein hoffnungsloser Fall.

    Und dennoch bin ich sehr gut in der Bundesrepublik angekommen (obwohl ich mich eher mit der Bundesrepublik arrangiert habe). Ich habe nie Hindernisse oder Benachteiligungen erlebt, die ich nicht selbst ändern konnte. Im Gegenteil: Ich kann und konnte viel aktiv selbst gestalten. Gelegenheiten erkennen, nutzen und zu Chancen ausbauen. Das Land lässt es zu, viel stärker als viele andere Länder auf dieser Welt. Verbunden damit ist natürlich auch die Notwendigkeit, Risiken einzugehen. Diese Risiken waren mit meinem Lebenslauf sicherlich größer als bei anderen. Und - wenn ich ganz ehrlich bin - haben diese Risiken mich eher gestärkt als geschwächt.

    Nun sollte man einen Einzelfall nicht als Blaupause verstehen. Dennoch glaube ich, das neben einer Hauptursache - dem Verständnis der Wichtigkeit von Bildung - die Missstände noch vielfältige andere Ursachen haben, die jeder genau wie Bildung selbst in der Hand hat. Dabei messe ich Erfolg nicht an materiellen Dingen oder gar Einordnungen in Hierarchien. Erfolg bedeutet für mich, dass jemand in der Gesellschaft seine Position gefunden hat. Ich habe ziemlich viel Respekt vor Leuten, die ihren eigenen Weg gegangen sind, trotz aller Missstände, und dabei nicht das Studium als Heilsbringer angesehen haben. Zum Beispiel den "einfachen" Handwerker, der jeden Tag das macht, was ihm Spass macht (z.B. mit Holz arbeiten). Oder sogar den Selbstversorger, der sich komplett aus der Gesellschaft verabschiedet hat und mit sich selbst absolut im Reinen ist. Die Erfahrungen mit diesen Menschen haben mich bestärkt, dass Erfolg als erstes mit persönlichem Glück verbunden ist. Alles andere sind wieder Einordnungen in ein gesellschaftliches Erfolgsmodell, dass dem Einzelnen nicht wirklich hilft. Spannenderweise hat sich die Gesellschaft das Erfolgsmodell selbst auferlegt, und tut sich extrem schwer, dort auszubrechen. Das manifestiert oft im direkten familiären Kreis, wo alternative Lebensentwürfe immer sehr kritisch abgelehnt statt als Chance begriffen werden.

    Um auf meine Aussage von oben zurück zu kommen: Dein Text enthält Wahrheiten, ohne Frage. Die Kritik dazu ist mir allerdings zu einfach, da sie zum einen unterschlägt, dass man deutlich mehr selbst gestalten kann und sollte, als ein Grossteil der bundesdeutschen Gesellschaft sich zutraut oder zutrauen würde. Hierzu muss das Land allerdings lernen, dass Risiken in der Regel auch Chancen sind. Und darüber hinaus ist mir der formulierte Erfolgspfad deutlich zu eindimensional. Bildung (a.k.a ein Studium) kann ein Weg sein, zu seinem persönlichen Erfolg zu finden. Sofern die damit verbundenen Lebensentwürfe das einzige Modell sind, dass man zulässt. (Hier setzt im wesentlichen auch meine Kritik an der Bildungspolitik der SPD der 70iger Jahre an)

  • #5

    Jens Schumann (Mittwoch, 13 Januar 2016 17:33)

    Korrektur - der vorletzte Satz stimmt irgendwie nicht. Besser:
    [...] Sofern man nicht nur auf ausgetretene Lebensentwürfen setzt, ergeben sich viele andere Optionen. (Hier setzt im wesentlichen auch meine Kritik an der Bildungspolitik der SPD der 70iger Jahre an)

  • #6

    Frank Bruns (Mittwoch, 13 Januar 2016 23:06)

    Hallo Jens,
    vielen Dank, dass du dir Zeit für einen Kommentar genommen und noch dazu ein sehr aufrichtiges Statement verfasst hast.

    Ich möchte klarstellen, dass ich mich im Artikel ausschließlich auf Chancengleichheit bezüglich Bildungs- und beruflichen Erfolg beziehe. Dass man auch ohne diesen glücklich werden kann, steht für mich außer Frage. Nicht jeder ist beruflich ambitioniert, aber bei weitem nicht jeder kann sein Leben diesbezüglich wirklich frei gestalten und das ist der Kern meiner Kritik.

    Du hast richtig erkannt, dass dein als auch mein Werdegang nicht als Blaupause gesehen werden kann. Wir sind in unserer Gesellschaft eher die Ausnahme, nicht die Regel. Auf jedes Arbeiterkind, das den sozialen Aufstieg schafft, kommen deutlich mehr, die es nicht schaffen. Das ist leider sozialwissenschaftliche Realität. Mit meinem Artikel möchte ich bewusst machen, dass es soziale Missstände gibt, die vielen Menschen unbekannt sind oder sogar geleugnet werden. Es geht mir um das Aufdecken schädlicher, gesellschaftlicher Mythen.

    Ich habe auf diesen Artikel schon mehrfach Kommentare (vor allem bei Facebook - https://www.facebook.com/frankandfreede/posts/1493514764282120) von Arbeiterkindern erhalten, die den sozialen Aufstieg geschafft haben und daraus schließen, dass es im Grunde an einem selbst liegt, ob man da erfolgreich ist oder nicht.

    Dies ist meiner Meinung nach dem Mythos der Leistungsgesellschaft geschuldet (https://de.wikipedia.org/wiki/Leistungsgesellschaft#.E2.80.9ELeistung.E2.80.9C_und_.E2.80.9ELeistungsgesellschaft.E2.80.9C_im_Kontext_der_Soziologie), der hierzulande sehr verbreitet ist und dafür sorgt, dass es schwierig bleibt, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Er suggeriert, dass man nur hart genug arbeiten müsse, um erfolgreich zu sein.

    Das finde ich wiederum ein bisschen zu einfach, auch wenn ich das früher selbst geglaubt habe.
    Die beruflich besonders erfolgreichen Menschen in Deutschland (mit beruflicher Gestaltungsfreiheit) sind überwiegend Akademikerkinder. Weil sie erfolgreicher sind, müssen sie wohl härter gearbeitet und ihren Erfolg daher mehr verdient haben als Arbeiterkinder. Ein jeder ist an dem Platz, der ihm/ihr gemäß seiner/ihrer Leistung zusteht. Besonders sozial Höhergestellte legitimieren damit die eigene Position vor sich und anderen. Dass man bessere Startbedingungen hatte, spielt in der Selbstwahrnehmung keine Rolle mehr (Dieser Comic spitzt es ganz nett zu - http://thewireless.co.nz/articles/the-pencilsword-on-a-plate)

    Der Mythos der Leistungsgesellschaft ist so gefährlich, weil dadurch die Verantwortung für das Scheitern des sozialen Aufstiegs auf die unteren sozialen Schichten übertragen wird. Es steht im Raum, dass die meisten Arbeiterkinder selbst Schuld sind, wenn sie es nicht schaffen, aufzusteigen. Es wird nicht genügend berücksichtigt, dass gesellschaftliche Mechanismen die Karten quasi systematisch zu deren Nachteil mischen und die Erfolgswahrscheinlichkeit drastisch senken. Wir dürfen es nicht damit abtun, dass man sich nur stärker anstrengen müsse, nach dem Motto: Jeder kann es schaffen!
    Es kommt nun mal nicht von ungefähr, dass (trotz gleichen Leistungspotenzials!) so viele Arbeiterkinder den Sprung ins Studium nicht wagen bzw. diesen Weg für unrealistisch halten.

    Die soziale Herkunft spielt bei uns im Lebensweg eines Menschen nachweislich eine zu große Rolle und das Bildungssystem wirkt diesem nicht genügend entgegen, sondern stützt das ungerechte System auch noch.(http://web.ard.de/themenwoche_2007/zukunft/kinder-sind-zukunft/kinder-in-not/mythos-leistungsgesellschaft/-/id=520624/nid=520624/did=529966/16753xy/index.html)

    --- Fortsetzung im nächsten Kommentar ---

  • #7

    Frank Bruns (Mittwoch, 13 Januar 2016 23:07)

    --- Fortsetzung des vorherigen Kommentars ---

    Anzuführen, dass ja noch viele weitere Lebensentwürfe existieren, die glücklich machen können, ist richtig (auch wenn ein Studium immer noch der größte Garant für ein finanziell gesichertes Leben ist, das wiederum erst Spielräume zur Gestaltung schafft), hilft in meinen Augen aber nicht dabei, Chancengleichheit herzustellen. Vielmehr legt es nahe, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, die Missstände zu akzeptieren, weil die Dinge nun mal so sind wie sie sind und sich mit dem zufrieden zu geben, was die Gesellschaft einem zugedacht hat. Im Interesse gesellschaftlich benachteiligter Gruppen, möchte ich mit dem Finger darauf zeigen, dass die freie Lebensgestaltung eine größere Illusion ist, als man gemeinhin denkt. Dies gilt im besonderen Maße übrigens auch für Menschen mit Migrationshintergrund.

    Jedes Arbeiterkind, das - wie du - den sozialen Aufstieg dennoch geschafft hat, verdient meinen Respekt. Es hat zahlreichen Unwahrscheinlichkeiten getrotzt und musste sich ganz besonders anstrengen, auch wenn das nicht immer bewusst ist. Ab und zu kommt sicher ein gewisses Maß an Talent oder ein glückliches soziales Umfeld dazu, das einige behindernde Effekte abmildert, aber wir dürfen nicht vergessen: Der soziale Aufstieg ist und bleibt eher die Ausnahmesituation.

  • #8

    Jens Schumann (Donnerstag, 14 Januar 2016 18:04)

    Vorab: Mir fehlt leider die Zeit, mich umfassend mit den diversen Untersuchungen zu beschäftigen. Es steht mir auch nicht zu, diese grundsätzlich in Frage zu stellen. Aber...

    Aus dem Blickwinkel meiner Vergangenheit und damit aus dem Blickwinkel der DDR, BRD und den USA wage ich zu behaupten, das Chancengleichheit ohne Anreiz und eigenem Einsatz wirklich mittelfristig ins Nichts führt. Ich bin in einem Land mit vergleichsweise klarer Chancengleichheit aufgewachsen, speziell für jemanden aus dem nichtakademischen Millieu. Akademikerkinder wurden dort sogar benachteiligt, aktiv und bewusst. Die Chancengleichheit mit de fakto gleicher Einkommens- und Besitzsituation für alle war sicherlich auch ein Grund für die sozial gesehen gute Situation in der DDR (soziale Absicherung, Gesundheitsversorgung, ...), die du trotz Embargos bis vor wenigen Jahren auch noch sehr gut in Kuba sehen konntest (sehr arm, aber gesund). Dennoch führte sie ins Nichts, da Chancengleichheit nur etwas bringt, wenn jemand die Chancen auch ergreifen möchte. Mir fehlt derzeitig die Vorstellungskraft, wie dies ohne Leistungsanspruch möglich sein soll. Der gesamte ehemalige Ostblock zeigt sehr gut, wo das hin führt.

    Vor diesem Hintergrund bewerte ich Studien zu Chancengleichheit und sozialer Herkunft immer mit Vorsicht, da ich das Gefühl nicht los werde, dass hier Korrelationen und Kausalitäten vermischt werden. Natürlich kann man sagen, dass einem Grossteil meiner Familie, denen die Beziehungen und auch der finanzielle Spielraum fehlt, aufgrund ihrer Herkunft der soziale Aufstieg verwehrt wurde. Ich persönlich würde aber sagen, dass dies eher ihrem eigenen Selbstverständnis geschuldet ist. Aufgrund ihrer sozialen Herkunft fehlt ihnen meiner Meinung nach das Vorstellungsvermögen zu "Dingen", die möglich sind. Daher werden sie immer die einfachste und naheliegenste Option wählen. Statt Chancen sehen sie Risiken. Statt Optionen und Varianten eher Belastungen.

    Wäre es nach meiner Familie gegangen, hätte ich nie meine Heimat verlassen und hätte stattdessen einen möglichst einfachen Weg gewählt, mein Leben zu meistern. Im sicheren Hafen der Familie. Neues zu versuchen gehört hingegen zu den Dingen, die man auf keinen Fall machen darf, sie werden auch heute noch aktiv in Frage gestellt. Hätte es meine Mutter nicht gegeben, wäre ich genau dort, wo alle anderen sind: in einem vergleichsweise einfachen (und auf keinen Fall unglücklichen) Leben ohne sozialen Aufstieg.

    Um aus dem Teufelskreis auszubrechen gehört aus meiner Sicht das Gegenteil der aktuellen Bildungspolitik: Statt Bildungsstandards noch weiter zu senken und einer noch breiteren Masse Abitur / einen Hochschulabschluss zu ermöglichen müssen wir viel stärker an der Bildung und Ausbildung von Eltern und Grosseltern arbeiten. Die Zeit einer lebenslangen Anstellung ist vorbei, Fehler und Missschläge machen einen Lebenslauf interessant statt problematisch. Und Risiken sind - gerade in sehr jungen Jahren - Chancen statt Probleme. Solange Eltern und Grosseltern das nicht verinnerlichen, wird es sehr schwer, dass Potential aus der aus meiner Sicht bestehenden Chancengleichheit zu schöpfen. Interessanterweise schreibst du oben genau das (Ungeeignete Vorbilder...).

    Ich halte mittlerweile die formulierten Zusammenhänge zwischen sozialen Aufstieg und sozialer Herkunft für eine Korrelation, die nicht durch aktive Behinderung und somit durch externe Umstände verursacht wird. In den 60iger hätte ich das für eine Kausalität gehalten. Im Jahr 201x für eine Korrelation.

    Danke für deinen Respekt. Mir ist allerdings mein sozialer Aufstieg mittlerweile ziemlich unwichtig, insbesondere da ich etwas für mich erreicht habe, dass mir viel mehr wert ist: Ich mache täglich etwas, dass mir wirklich Spass macht. Und das sehe ich bei anderen - gänzlich ohne sozialen Aufstieg - auch. Sobald jemand diese Stufe erreicht hat, freue ich mich für ihn und hoffe, dass viele andere diese Stufe erreichen werden. (Zugegebenermassen beneide ich den einen oder anderen gesellschaftlichen Aussteiger, der ohne externe Zwänge ein deutlich freieres Leben führt als ich).

    (PS: ich argumentiere natürlich auch aus dem Blickwinkel der Überreste ostdeutscher Kinder- und Bildungspolitik. Für uns ist es völlig normal, dass über alle Schichten hinweg alle Kinder in den Kindergarten gehen. Bis 16.00 oder 17.00 Uhr. Und das mein Sohn seit der ersten Klasse zusammen mit seinen anderen 27 Mitschülern natürlich bis 15.00 oder 16.00 Uhr im Hort verbleibt, und mit erledigten Hausaufgaben nach Hause kommt. Die Auswirkungen dieses Teils der Wohlstandsgesellschaft Bundesrepublik sind meiner Meinung nach viel stärker als die Bildungspolitik allein.)