Europa liebt die Toten

Autor: Frank Bruns

Die Festung Europa ist real und kostet jeden Tag unschuldigen Menschen das Leben. Männer. Frauen. Kinder. Das Meer tötet alle gleich!

Das kann und darf so nicht weitergehen, wenn wir als Europäer in Zukunft nicht in Schande auf unsere menschenverachtende Politik zurückblicken wollen.

Es ist gut möglich, dass nachfolgende Generationen uns am Umgang mit der Flüchtlingskrise messen werden. Wir müssen uns dann auf unbequeme Fragen gefasst machen. Wieso begegnen viele Deutsche den Menschen, die vor Tod und Elend fliehen, immer noch mit Verachtung und Missgunst? Wieso versteckt sich die Politik hinter der Bürokratie und konzentriert sich auf parteipolitische Querelen, statt die Einreise so unkompliziert wie möglich zu machen? Ist es die Furcht davor, etwas vom vermeintlich verdienten Wohlstand abgeben zu müssen oder wirklich nur die bloße Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten und der gesellschaftlichen Veränderung?

Ende Oktober ist es wieder zu einer besonders schweren Tragödie vor der griechischen Insel Lesbos in der Ägäis gekommen. Bereits mehr als 3000 Tote sind dort allein in diesem Jahr zu beklagen.

Was sagen wir den vielen Syrern, sobald sie unsere Sprache erlernt haben, unsere Stellungnahmen im Internet und unsere Zeitungen lesen können, wenn sie uns fragen, wieso wir es hilfsbedürftigen Menschen so schwer wie möglich machen wollen, die Grenze zu überqueren? Sie werden wissen wollen, wie ein Land, das vor Kurzem noch den Ruf hatte, freundlich, tolerant und weltoffen zu sein, plötzlich von ranghoher politischer Seite Ressentiments gegen Ausländer schürt und fremdenfeindliche Klischees in der Gesellschaft salonfähig macht.

Die Flüchtlingskrise entblößt uns, stößt Europa vom hohen Sockel der Moral, entreißt uns die humanistische Maske, die uns bis dato so gut zu Gesicht gestanden hat, die aber offenbar nicht mehr gewesen ist als das: eine Maske. Historiker und Sozialwissenschaftler werden das Verhalten unserer Gesellschaft aufarbeiten und ich möchte nicht meinen Kopf vor Scham senken müssen und zugeben, dass ich in einem Land lebe, dass nur Lippenbekenntnisse abgegeben hat, wenn es um die Verneinung von fremdenfeindlichem, intolerantem und - ja, das ist es - rassistischem Gedankengut geht.

 

Wir fragen unsere Großeltern heute, ob sie damals wirklich nicht gewusst haben, was mit den Juden geschieht. Uns wird man dereinst fragen, was wir uns dabei gedacht haben, tausende Menschen sehenden Auges an den europäischen Grenzen sterben zu lassen. Vielleicht kann man Europa keinen Mord vorwerfen, aber unterlassene Hilfeleistung mit Todesfolge beschreibt die Situation zutreffend.

Innenminister Thomas de Maizière bedient öffentlich Klischees über Flüchtlinge, erwähnt aber nicht den psychischen Stress, unter dem Flüchtlinge stehen, vereinfacht die Umstände dadurch dramatisch und spielt dem Klima der Angst und des Misstrauens in die Hände.

Wenn es um Leben oder Tod geht, darf es keine zwei Meinungen geben. Europa trägt ein gutes Stück Verantwortung an der Flüchtlingskrise. Es hat viele Fluchtursachen selbst herbeigeführt oder zumindest begünstigt. Nach dem ersten Weltkrieg haben die westlichen Mächte Staatengründungen auf der Arabischen Halbinsel erzwungen (Sykes-Picot-Abkommen). Dabei ist keine Rücksicht auf verfeindete politische und religiöse Strömungen genommen worden. Durch das erzwungene Zusammenleben verschiedener Gruppierungen sind Konflikte entstanden, die bis in die heutige Zeit reichen und weiter auf Lösungen warten. Selbst wenn man diese historische Schuld Europas außer Acht lässt, tragen die Waffenlieferungen in Krisengebiete oder die Zerstörung afrikanischer Märkte durch gnadenlose Handelspolitik heutzutage immer noch dazu bei, dass die Menschen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Das dürfen wir einfach nicht ignorieren!

In meinem Lied "Europa Nostra" prangere ich Europas Mitverantwortung am sinnlosen Tod tausender Menschen im Mittelmeer an.

Die flüchtenden Menschen können nicht hoffen, dass es in ihren Heimatländern bald wieder bergauf geht. In der gleichen Situation würden auch wir aufbrechen, um Zuflucht zu finden und doch noch ein freies, sicheres und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Wer etwas anderes behauptet, den nenne ich hier öffentlich einen Heuchler!

Eine aktuelle Umfrage unter Geflüchteten aus Syrien stellt unmittelbare Lebensgefahr und drohende Rekrutierung zum Militärdienst als Hauptfluchtursache heraus (ca. 80%). Nur 13% Prozent geben wirtschaftliche Gründe als treibenden Faktor an. Dabei ist zu bedenken, dass die wirtschaftliche Not auch eine direkte Folge des Bürgerkriegs ist und somit ein kausaler Zusammenhang besteht. PEGIDA hält andere Zahlen bereit.

 

Für uns ist es dermaßen selbstverständlich, in einem sicheren Umfeld zu leben, dass wir uns kaum vorstellen können, wie es sein muss, wenn man tatsächlich mitten in einem Kriegsgebiet wohnt. Dabei müssten gerade die Deutschen es besser wissen.

Die Erzählungen unserer Großeltern und die irgendwie irreal scheinenden Schwarz-Weiß-Bilder der Weltkriegsdokumentationen im Fernsehen wirken leider oft wie aus einer fremden Zeit. Einer Zeit, die uns so fern scheint, dass sie uns manchmal wie die Überlieferung einer düster-alten Legende vorkommt. Mehr Fiktion als Wirklichkeit.

Der Schrecken des Krieges ist im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft nicht mehr präsent und das lässt uns der realen Situation in Syrien und anderswo distanziert gegenüberstehen. Krieg kennen wir allenfalls noch aus Unterhaltungsmedien wie Filmen und Videospielen. Dort erleben wir ihn dann in der Regel aus der Perspektive der aktiven und technisch oder moralisch überlegenden Partei, die für eine gerechte Sache kämpft und am Ende als  verdienter Sieger vom Schlachtfeld geht. Damit kann man sich gut identifizieren. In der Realität kommt ein Happy End bei bewaffneten Auseinandersetzungen dagegen ziemlich selten vor. Die Helden der Schlacht leiden im Anschluss an ihren Einsatz nicht selten an Posttraumatischen Belastungsstörungen.

Europa liebt die Toten.
Tote Menschen am Strand, die beim Versuch Europa zu erreichen im Mittelmeer ertrunken sind. Eine direkte Folge europäischer Außenpolitik.

Den Umständen machtlos gegenüberstehen, Passagier im Strudel der Ereignisse sein, Leid und Schmerz aufgezwungen bekommen, obwohl man sich raushalten will, kurz, dem Schicksal ausgeliefert sein, das ist wohl eher, was Krieg für die Mehrheit der Beteiligten bedeutet. Die Menschen haben die Wahl zwischen Leben oder Tod. Wofür würden Sie sich entscheiden?

Das Risiko der Flucht auf sich zu nehmen, dabei vielleicht sogar fatal zu scheitern, ist offenbar attraktiver, als auf den sicheren Tod zu warten. Dann traut man sich sogar, mit seinen Kindern im Schlauchboot über das wütende Mittelmeer zu fahren. Allein in diesem Jahr haben bisher mehr als 700.000 Menschen die Überfahrt gewagt. Etwa 3200 von ihnen sind dabei bisher ums Leben gekommen; übrigens mehrheitlich Kinder. Statistisch gesehen sterben bei der Überfahrt also ca. 0,5% der Menschen. Im ersten Moment klingt diese Prozentzahl sehr niedrig. Versetzt man sich gedanklich in die Situation, mit seinen Kindern in ein schaukelndes Schlauchboot zu steigen, gewinnt sie plötzlich an Gewicht. Es geht um das Risiko, sein eigenes oder das Leben seines Kindes zu verlieren. In derartige Lebensgefahr begibt man sich nur im Zustand äußerster Verzweiflung und nicht, wie einige behaupten, um deutsche Sozialhilfe zu kassieren.

 

Wir sollten uns von Zeit zu Zeit bewusst machen, dass wir das Privileg haben, sehr sichere Leben führen zu dürfen. Ich denke, wir haben dadurch den Bezug zu realer Lebensgefahr verloren. Wer von uns denkt ernsthaft an die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten Minuten zu sterben, wenn man ins Auto steigt. Die wenigsten von uns haben Angst um ihre Angehörigen, wenn sie kurz los sind, um ein paar Besorgungen in der Stadt zu machen. Wenn wir unsere Kinder auf den Schulweg schicken, sorgen wir uns vielleicht wegen des Straßenverkehrs, aber nicht, weil Bomben ihre Körper zerreißen könnten.

Wir, die wir heute leben, kommen in den Genuss der Stabilität, des Wohlstands und der Demokratie nur deshalb, weil wir zufällig in Deutschland geboren sind. Ich halte es daher für fragwürdig, auf dieser Basis zu entscheiden, wer außerdem noch daran teilhaben darf. Ich persönlich habe dieses Land weder aufgebaut, noch maßgeblich dazu beigetragen, dass es uns als Gesellschaft im Großen und Ganzen hervorragend geht. Ich habe nichts besonderes getan, um mein Lebensglück mehr zu verdienen als ein Syrer, Somali, Eritreer oder Afghane. Können Sie von sich etwas anderes behaupten?


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Posted by FRANK AND FREE on Sonntag, 8. November 2015


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