Jetzt redet: Mohamad!

Autor: Frank Bruns

Der Arabische Frühling, der Bürgerkrieg in Syrien und die europäische Flüchtlingspolitik sind in den Medien vielfach diskutiert worden. Doch anstatt über die Betroffenen zu sprechen, wird es höchste Zeit mit ihnen zu sprechen. Deshalb rede ich heute mit Mohamad aus Syrien über seine Sicht der Dinge.

 

FRANK AND FREE:

Hallo Mohamad, ich freue mich sehr, dass du dir die Zeit nimmst und dich für ein Interview mit mir zur Verfügung stellst. Vielleicht möchtest du dich zu Beginn unseren Lesern vorstellen?

 


Mohamad:

Gerne. Ich bin Mohamad. Ursprünglich komme ich aus Syrien, bin aber jetzt nach 8 Jahren deutscher Staatsbürger geworden. Ich habe in Deutschland studiert und meinen Master-Abschluss in Informatik an der Uni Freiburg gemacht. In Oldenburg habe ich dann meine Doktorarbeit geschrieben und promoviert. Ich wohne und arbeite momentan in Konstanz als Softwareentwickler.

 


FRANK AND FREE:

Du hast mich vor dem Interview gebeten, deinen vollen Namen nicht zu nennen. Warum so vorsichtig?

 


Mohamad:

Meine Familie lebt immer noch in Syrien und ich möchte ihre Sicherheit nicht gefährden, wenn ich mich hier öffentlich äußere.

 


FRANK AND FREE:

Ich verstehe. Dann beginnen wir jetzt einfach mal mit den Interview.

 

Viele Europäer haben sich abseits des Themas Terrorismus kaum mit der arabischen Welt auseinandergesetzt. Dementsprechend wenig wissen sie über die tatsächlichen Lebensumstände in den verschiedenen Ländern. Du kommst selbst gebürtig aus Syrien. Wie würdest du Land und Leute in der Vorbürgerkriegszeit beschreiben? Was hat für dich das Besondere an Syrien ausgemacht?

 


Mohamad:

Syrien war immer ein schönes Land mit sehr toleranten Menschen. Viele Religionen und Volksgruppen haben hier miteinander gelebt. Darunter Sunniten, Schiiten, katholische und orthodoxe Christen, Alawiten, Araber, Kurden usw. Die Feiertage in Syrien berücksichtigen diese kulturelle Vielfalt. Deshalb gibt es beispielsweise für beide christlichen Osterfeste (östlich und westlich) jeweils einen gesetzlichen Feiertag. Außerdem war Syrien bis 2010 ein Land, das selbst viele Flüchtlinge unter anderem aus dem Irak, Palästina und Somalia aufgenommen hat. Leider hat sich diese Situation umgekehrt nachdem die Unruhen in Syrien ausgebrochen und viele Syrer nun selbst Flüchtlinge geworden sind. Die Wirtschaft in Syrien hat aber immer schon viele Schwierigkeiten gehabt und die Korruption innerhalb der Regierung ist auch sehr hoch. Deshalb wandern die meisten hochqualifizierten Syrer aus.

 


FRANK AND FREE:

Wie hast du den Beginn des so genannten Arabischen Frühlings erlebt, der im Dezember 2010 in Tunesien seinen Anfang nahm und sich dann 2011 auch nach Syrien ausbreitete? Was hast du dabei empfunden?

 


Mohamad:

Der so genannte Arabische Frühling war am Anfang ein Traum der Wirklichkeit wurde. Die Diktatoren in arabischen Ländern haben immer mit massiver Gewalt regiert und niemand hat erwartet, dass das Volk es wagen würde, sich dem entgegenzustellen. Nachdem auf den Arabischen Frühling dann schließlich mit Gewalt reagiert wurde, haben viele Gruppen die Lage ausgenutzt, um an Waffen zu gelangen. Der Konflikt wurde dadurch viel komplizierter.

 


FRANK AND FREE:

Hättest du dir damals vorstellen können, dass die Situation in Syrien dermaßen eskaliert und das Land in einen jahrelangen Bürgerkrieg stürzt oder gab es im Vorfeld Anzeichen, dass gesellschaftliche Konflikte kurz davor waren, offen ausgetragen zu werden?

 


Mohamad:

Ehrlich gesagt ja. Obwohl Syrien ein Land mit vielen Ressourcen ist, hat die politische Korruption der Wirtschaft sehr geschadet. Es war klar, dass dieses Problem sich irgendwann explosionsartig entladen würde. Aber leider haben viele Leute nicht vorhergesehen, dass Terrorgruppen diese Unruhen ausnutzen und ein richtiger Bürgerkrieg daraus entstehen würde.

 


FRANK AND FREE:

Wie erleben deine Familie und Verwandte, die noch in Syrien wohnen, die aktuelle Situation?

 


Mohamad:

Meine Familie wohnt innerhalb von Damaskus, wo die Situation, relativ gesehen, besser ist als in anderen Teilen des Landes. Der Strom geht viele Stunden am Tag aus und oft bleiben die Leute in Damaskus auch mehrere Stunden ohne Wasser. Andere Regionen erleben eine noch schlechtere Situation. Dort leben die Menschen in noch größerer Unsicherheit.

 


FRANK AND FREE:

Was müsste deiner Meinung nach geschehen, damit Syrien wieder eine Chance auf Frieden hat? Gibt es einen Ansatz, der eine Lösung herbeiführen könnte?

 


Mohamad:

Schwer zu sagen. Die Anhänger des Diktators Assad sagen, dass ohne ihn keine Lösung möglich sei. Im Gegensatz dazu akzeptiert die Opposition keinen Ansatz, in dem Assad zukünftig eine Rolle spielt. Aber ich glaube, es führt kein Weg daran vorbei, dass sich beide Lager an einen Tisch setzen, wenn es eine Aussicht auf Frieden geben soll.

 


FRANK AND FREE:

Der Bürgerkrieg hat eine, für die Menschen oft lebensgefährliche Massenflucht nach Europa ausgelöst. Die Europäische Union ist sich nicht einig darüber, wie mit der Situation umzugehen ist. Einige Länder schlagen einen harten Kurs gegen die Einwanderung vor und versuchen, die flüchtenden Menschen an den Grenzen aufzuhalten oder zur Umkehr zu zwingen. Wie sollte die EU ihre Politik gestalten, um der Flüchtlingssituation angemessen zu begegnen?

 


Mohamad:

Das Recht auf Menschenwürde ist sehr wichtig und aus Sicht der entwickelten Länder gilt es für alle Menschen.

Leider sind die europäischen Länder in ihrer Entwicklung und ihren Gesetzen noch sehr unterschiedlich. Die Politiker in Ungarn haben z.B. eine ganz andere Meinung in Bezug auf die Aufnahme von Flüchtlingen als Deutschland oder Schweden. Der Weg, den viele Flüchtlinge nehmen, ist sehr gefährlich und natürlich muss es noch weitere Maßnahmen geben, um die Menschen zu retten. Meiner Meinung nach wäre es am besten, wenn die Politiker zusammen arbeiten würden, um gemeinsam Druck für eine friedliche Lösung in Syrien auszuüben. In der Zwischenzeit sollten die Länder gemeinsame Flüchtlingsprogramme einrichten, so dass die Flüchtlinge, je nach Aufnahmefähigkeit eines Landes, auf die verschiedenen Länder verteilt werden können, bis der Konflikt in Syrien beendet ist und der Frieden erreicht wurde.

 


FRANK AND FREE:

In den jeweiligen Bevölkerungen reicht die Stimmung von Willkommenskultur bis hin zu offener Ablehnung von Flüchtlingen. Nicht zuletzt seit dem Aufkommen von Bewegungen wie PEGIDA tritt Islamophobie in Deutschland und Europa immer offener zu Tage. Muslime sind für viele Menschen hier zu einer Art Feindbild geworden. Als jemand, der selbst aus einem muslimischen Land stammt, hast du das Gefühl, dass die Gesellschaft dir mit mehr Zurückhaltung oder gar Vorurteilen begegnet? Hat sich dein Alltag diesbezüglich verändert?

 


Mohamad:

Die meisten Deutschen sind tolerant, auch wenn PEGIDA leider in einigen Bundesländern präsent ist. Es gibt aber viel mehr Demonstrationen gegen PEGIDA und viel mehr Menschen, die die Flüchtlinge Willkommen heißen und ihnen helfen. Ich glaube die Medien könnten in diesem Bereich eine größere Rolle spielen und die Lage besser erklären. Sie müssten zum Beispiel besser darüber aufklären, dass die Terrororganisation ISIS viel mehr Muslime als Angehörige anderer Gruppen tötet, dass es ihr nur um Macht, nicht aber um Religion geht und sie allen menschlichen Werten feindlich gegenübersteht. Die mutige Arbeit von Jürgen Todenhöfer ist ein sehr gutes Beispiel für eine Berichterstattung, die die Motivation von ISIS untersucht und ausführt, wie Staaten solche Terrorgruppen mit Bildung und menschlichen Werten bekämpfen können.

 


FRANK AND FREE:

Allein 2015 sind in Deutschland gut und gerne eine Millionen Flüchtlinge und Migranten angekommen. Wir stehen nun vor der, manche sagen, historischen Aufgabe, diese Menschen in die Gesellschaft zu integrieren. Nicht wenige Deutsche befürchten, dass Deutschland bei diesem Vorhaben scheitern wird und schwerwiegende soziale Probleme auf uns zukommen werden. Andere wiederum sehen darin eine Bereicherung und eine große Chance für unsere Gesellschaft. Sind die Bedenken deiner Meinung nach berechtigt? Wie kann die Integration tatsächlich gelingen?

 


Mohamad:

Die Flüchtlinge stellen sowohl eine Herausforderung als auch eine große Chance dar. Viele Flüchtlinge haben gute Qualifikationen und mit der richtigen Hilfe können sie sich schnell integrieren und zur Gesellschaft beitragen. Aber natürlich müssen beide Seiten, die Regierung und auch die Flüchtlinge, diese Herausforderungen gemeinsam bewältigen. Die Flüchtlinge müssen die Sprache lernen, ihre Fähigkeiten weiterentwickeln und sich um die Ausbildung ihrer Kinder kümmern. Die Regierung kann sie mit Integrationskursen unterstützen und sich um die psychischen Probleme der Menschen, insbesondere der Kinder, kümmern, die vor dem Krieg fliehen mussten.

Die Regierung sollte aber auch die Ängste der deutschen Bevölkerung ernst nehmen und die Sicherheit des Staates schützen, in dem sie nur solche Flüchtlinge aufnimmt, die vor dem Krieg fliehen und keine kriminelle Vergangenheit haben.

 


FRANK AND FREE:

Wenn du fünf bis zehn Jahre in die Zukunft schauen könntest, wo siehst du Deutschland, Europa und die arabische Welt im Allgemeinen bzw. Syrien im Speziellen?

 


Mohamad:

Ich hoffe, dass die internationale Gemeinschaft zusammen arbeitet, so dass der Krieg in Syrien kurzfristig beendet werden kann und dass die EU bei einem Friedensprozess behilflich sein wird. Was aber am wichtigsten ist, ist die Weiterbildung der Menschen nach dem Krieg. Die Zukunft der arabischen Welt hängt sehr davon ab, dass man die neue Generation durch gute Bildung und die Förderung freien Denkens unterstützt. Mit besserer Bildung werden Terrorgruppen wie ISIS für sich keinen Platz in der Gesellschaft mehr finden.

Dasselbe gilt auch für Europa. Was Rechtsextremisten wie PEGIDA oft gemeinsam haben, ist die geringe Bildung und das unzureichende Wissen über die Anderen. Ich hoffe außerdem, dass die Flüchtlinge sich in naher Zukunft gut integrieren werden und einen Mehrwert für die Gesellschaft bringen.

Die Herausforderungen sind momentan für die ganze Welt sehr groß, aber eben auch mit großen Chancen verbunden. Das Schlüsselwort zur Lösung der Probleme heißt Bildung.

 


FRANK AND FREE:

Mohamad, vielen Dank für das Interview!

 



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Posted by FRANK AND FREE on Samstag, 23. Januar 2016


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Arbeiterkinder und die Illusion der Chancengleichheit

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Kommentare: 1
  • #1

    Xvision (Donnerstag, 21 September 2017 16:13)

    Interessantes Interview !!
    Wir von Xvision unterstützen junge Flüchtlinge kostenlos mithilfe von Musik, Theater,Tanz und vielem mehr und fördern diese in der deutschen Sprache, in Selbstbewusstsein und vielen anderen Aspekten um ihnen das einintegrieren leichter und spaßiger zu gestalten.
    Wir befinden uns in Bochum-Wattenscheid und sind ein Projekt der Städtischen Musikschule Bochum.

    Für Interessierte aus der Umgebung und aus dem Ruhrgebiet: besucht unsere Homepage, wir freuen uns auf euch!

    Schöne Grüße
    das X-Vision Team